Weihnachtsfeier 09.12.2016

Agent Nikodim Ilja Kolaus, Direktor des Ho3 Nord, beobachtete die Geschehnisse hinter den Fenstern im ersten Stock der Kaiserstraße 73. Er nickte anerkennend und strich sich gefällig den Bart, als um 18:05 Uhr Ortszeit die letzten Lichter ausgingen. Das Büro war nun also leer. Er legte die wenigen Schritte zur Straßenbahnhaltestelle gemächlich zurück und stieg in die nächste Tram Richtung Messe. Bisher waren alle Informationen zu diesem Fall korrekt, er zweifelte deshalb nicht am Wahrheitsgehalt bezüglich des Ziels: Maritim Hotel Frankfurt, dort würde das zu observierende Event stattfinden.

Der Agent benötigte keine Tarnung, um sich unter die Zivilisten zu mischen - er war ohnehin so gut wie unsichtbar in seiner üblichen Arbeitskleidung. So gelang es ihm, völlig unbemerkt zu bleiben, während er sich beim Empfang mit Sekt und Orangensaft zwischen den Teilnehmern bewegte und den Unterhaltungen lauschte.

Weihnachtsfeier Bar Maritim Hotel

Auffällig war, dass offenbar keiner der Anwesenden unter ernsthaftem Stress stand, ganz zum Trotz der anstehenden Wochen voll familiärer Verpflichtungen, Last-Minute-Geschenkeinkäufen und unaufschiebbarer Erledigungen. Nikodim kramte eine altertümlich anmutende Schreibfeder und eine Rolle Pergament aus seiner Manteltasche. Mit diesen Utensilien ausgestattet, begann er sich Notizen zu machen: "Stimmung gut, Atmosphäre entspannt, freundliche Unterhaltung und Geselligkeit ganz im Sinne der Jahreszeit".

Kurze Zeit später wurde eine Tür geöffnet und die Menschenmenge begab sich in einen festlich, aber dezent geschmückten Saal. Er folgte dem Menschenstrom hinein und setzte sich auf einen freien Stuhl an einem der außen liegenden Tische.

Weihnachtsfeier Bar Maritim Hotel

Nachdem jeder einen Platz gefunden hatte, erhob sich Chris Zabanski. Der Agent erwartete nun eine langatmige Ansprache, also schaltete er im Hinterkopf schon einmal auf Halbschlaf.
"Ich will es kurz machen" erklärte Chris. So etwas wie kurze Ansprachen gibt es nicht bei Weihnachtsfeiern!
Zabanski fuhr fort: "Danke, dass Ihr da seid, danke für das letzte Jahr. Und sobald ich sitze, könnt Ihr über das Buffet herfallen."
Damit setzte er sich.

Dem geheimen Beobachter wurde warm in der Brust. Kaum zwei Sekunden dauerte die Pause, in der niemand der Erste in der Schlange sein wollte, dann erbarmte sich eine kleine Gruppe der Mitarbeiter und ergriff die Futter-Initiative.
Nikodim reihte sich ein und füllte ebenfalls zunächst einen kleinen Teller mit Brot, Salat, gegrilltem Gemüse und Lachs, dann einen deutlich größeren Teller mit Gänsekeulen, Knödeln in Pilzsoße und Gemüsestrudel.
Während um ihn herum die dkd-Mitarbeiter und ihre Familien über Speis und Trank plauschten, verbrachte Nikodim seine Zeit in gefräßigem Schweigen. Auch für den Nachtisch war gesorgt, bevor sich der Direktor des Ho3 aber an Winter-Tiramisu und Krokantcreme vergreifen konnte, ergriff Søren Schaffstein das Wort.

"Geschenke!" viel mehr musste nicht gesagt werden. Jeder erhielt eine Solar-Lampe im Glas, wie sie bereits auf den Tischen für stimmungsvolle Beleuchtung sorgten. "In den Schachteln sind außerdem Spielkarten verteilt" erklärte Søren. "Zusätzliche Gewinne werden nun live ausgelost" und es wurden Spielkarten gezogen. Auf diese Weise gingen unter Anderem ein Käse-Abonnement und eine mobile Espressomaschine an die Gäste (letztere an einen überzeugten Tee-Trinker - das Gelächter im Raum war der Situation angemessen). In Nikodim keimte kurz die Hoffnung, auch für einen Gewinn gezogen zu werden, er gönnte es dann aber doch eher denen, für die diese Feier tatsächlich ausgerichtet worden war. Er machte weitere Notizen: "Festlichkeit hervorragend, Humor vorhanden, Buffet reichlich und lecker" Er ließ es sich auch nicht nehmen, bei Götz Wegenast ein Armband für Gratis-Getränke in der Hotelbar abzuholen.

Weihnachtsfeier Bar Maritim Hotel

Um 22 Uhr wurde die Feier verlegt. Der Agent, noch immer unbemerkbar, folgte dem Strom in einen separierten Bereich der Bar und war erstaunt, wie gut Snap, Barry White und Whitney Houston in eine Weihnachtsfeier passten, wenn das Ambiente entsprechend war. Während neben ihm der Reverend die Hüften schwingen ließ, war Nikodim in Gedanken vertieft. Schließlich verfasste er seinen abschließenden Lagebericht:
"Katastrophale, resignierte Stimmung. Lieblose Ausstattung, null Festlichkeit. Bösartige Gerüchteküche und halb-verdeckte Intrigenspinnerei. Herzloses Treffen, das den Begriff 'Feier' nicht verdient. Eine absolute Unzumutbarkeit für E.L.F. Mitarbeiter des Ho3. Unterschrift des Direktors: N.I.Kolaus"

Natürlich zwickte ihn das Gewissen für diesen Report; bei jedem Kind würde eine solche bestandslose Fabrikation einen Eintrag auf der schwarzen Liste bedeuten! Andererseits konnte er nur auf diese Weise sicher stellen, dass die Weihnachtsfeier der dkd auch in absehbarer Zukunft Chefsache bliebe. Entspannt lehnte er sich zurück und zündete sich eine Pfeife an. Der Abend hatte gerade erst begonnen...